Gedanken über das Scheitern

Was führt dazu, dass ein Kind "scheitert"? Nennen wir das Kind einfach Hänsel, und für den Fall, dass Sie sich eher ein Mädchen vorstellen möchten: Gretel. Also: Hänsel und Gretel.

Die Frage des "Scheiterns" von Kindern und Jugendlichen beschäftigt Eltern, Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Wissenschaftler seit langer Zeit und unter unterschiedlichen Gesichtspunkten. Der Blick richtet sich dabei mal mehr auf das Kind oder den Jugendlichen selbst, mal mehr auf das Umfeld, in dem es lebt und aufwächst, oder es wird versucht, die Wechselbeziehung zwischen dem Kind und seinem Umfeld zu betrachten. So gibt es mittlerweile eine erhebliche Zahl von Erfahrungen, Meinungen, Ansichten und Theorien darüber, womit das "Scheitern" von Kindern zusammenhängen könnte. Die Menge an Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen erscheint als kaum noch überschaubar. Hinzu kommt, dass die Informationen und Forschungsergebnisse sich häufig zu widersprechen scheinen. Trotz einer immensen Zahl von Erkenntnissen besteht im Grunde nach wie vor Unklarheit darüber, was denn nun dazu geführt haben mag, dass der Hänsel oder die Gretel nicht mehr in ihrem Kinder-Leben zu Recht kommen.

Noch schwieriger wird es bei der Frage, ob Hänsel oder Gretel eventuell "zukünftig" in ihrem Leben scheitern werden. Diese Fragestellung ist kaum zu beantworten. Das liegt daran, dass es bisher noch keinem Menschen gelungen ist, die Zukunft vorherzusagen: das Leben kommt "erstens anders und zweitens als man denkt". Dagegen ist die rückwärts gerichtete Frage ("Was hat dazu geführt, dass mein Kind heute so und nicht anders ist?") scheinbar einfacher zu beantworten. Das liegt daran, dass man bei Fragen nach Ursachen von dem heutigen Standpunkt ausgehend gewissermaßen eine Art Schablone oder ein "Raster der Erkenntnis" auf das bisherige Leben des Kindes legt. Durch dieses Raster betrachtet man dann Hänsel und Gretel, aber auch deren soziales und gegenständliches Umfeld.

Diese Schablonen oder Raster sind recht vielfältig. Ein Raster ist beispielsweise die so genannte "Eigenanamnese", mittels welcher Daten von "vor der Geburt bis heute" erfasst werden sollen wie etwa "Meilensteine der Entwicklung" oder Dinge, die mit Schwangerschaft und Geburt in Zusammenhang stehen. Die "Fremdanamnese" bezieht sich eher auf Informationen, die das Lebensumfeld des Kindes betreffen, beispielsweise ob es "kritische Lebensereignisse" gegeben hat. Andere Schablonen oder Raster sind Testverfahren, mit denen beispielsweise der Entwicklungsstand, die kognitiven Fähigkeiten oder eventuelle emotionale Beeinträchtigungen erfasst werden sollen. Weitere Raster sind z. B. Fragebogen (etwa für Eltern und Lehrer), mit denen das Vorhandensein bestimmter problematischer Eigenschaften oder Verhaltensweisen eines Kindes erfragt werden.

Ein großes Problem der Rastermethode ist, dass all das nicht erfasst wird, was nicht im Raster vorgesehen ist. Anders gesagt: man erhält nur darüber eine Information, wonach man schaut. Ob aber das, was ein Raster abcheckt, wirklich die relevanten Informationen sind, um Hänsel oder Gretel in ihrem Erleben und Verhalten "verstehen" zu können, wird offen bleiben.

Man sieht: auch eine rückwärts gerichtete Frage derart "Was hat dazu geführt, dass ein Kind heute so ‚schwierig' ist?", ist nicht wirklich einigermaßen verlässlich zu beantworten. Am Ende stehen weiterhin Vermutungen, allerdings "wissenschaftlich fundiert". Deshalb nennen sich diese Vermutungen nun Hypothesen. Das hört sich zwar schlau an, doch bedeuten auch Hypothesen nur "Nichts Genaues weiß man nicht", das jedoch wissenschaftlich abgesichert.

Selbst bei scheinbar gut zu klärenden Ursachen für ein "Scheitern" bleiben meistens Fragen offen. Solche Fragen könnten beispielsweise sein: Weshalb haben Hänsel und Gretel mit ein und demselben "niedrigen" Testwert in einem Rechtschreibtest nicht dieselben (schulischen etc.) Probleme? Man ist dann geneigt, andere Erklärungsursachen hinzuziehen, etwa: Na ja, das eine ist ein Junge, das andere ein Mädchen. Oder: Hänsel strengt sich mehr an als Gretel und kommt deshalb besser in der Klasse mit. Oder: bei Gretel geht's zu Hause ruhiger her als bei Hänsel. Oder: Hänsel und Gretel besuchen unterschiedliche Schulen: in der Schule von Hänsel ist das Anspruchsniveau insgesamt etwas niedriger. …. Diese Liste an Vermutungen ließe sich mit einiger Fantasie noch seitenweise fortführen. Fazit: selbst bei scheinbar eng umschriebenen "Problemen" gibt es immer noch andere Merkmale ("Faktoren"), die möglicherweise von Bedeutung sind und erst in ihrem Zusammenwirken das ausmachen, was man dann als "Scheitern" bezeichnen könnte.



Man könnte Letzteres auch folgendermaßen formulieren: Trotz seiner erheblichen Schwierigkeiten im Rechtschreiben hat es Hänsel bisher geschafft, im Unterricht gut mitzumachen und nach wie vor gerne zur Schule zu gehen. Scheinbar verfügt er über Möglichkeiten, die ihm dabei helfen, mit seiner Rechtschreibschwäche klar zu kommen. Diese Möglichkeiten kann man auch als "Ressourcen" bezeichnen. Es ist allerdings denkbar und im realen Alltag auch oftmals der Fall, dass nur Hänsel diese Art von Ressourcen positiv für sich zu nutzen vermag. Bei Gretel würde das eventuell nicht auf diese Weise funktionieren, selbst wenn sie (theoretisch) über genau die gleichen Ressourcen wie Hänsel verfügen könnte. Scheinbar sind es nicht die zusammengezählten oder aneinander gereihten Ressourcen allein, auf die es ankommt, sondern die Art und Weise, wie sie bei Hänsel zusammenwirken und dafür sorgen, dass alles im schulischen "Normalbereich" bleibt. Es scheint, dass sich genau in diesem "Wie" des Zusammenwirkens der Ressourcen Hänsel und Gretel unterscheiden, sodass Hänsel klar kommt, während Gretel möglicherweise "scheitert"….



Wie also könnte man vorgehen, um das "Scheitern" eines Kindes besser zu verstehen? Ein Weg könnte sein, die Vielzahl von Informationen derart zu reduzieren, dass die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher, als sie sind, gemacht werden. Man weiß inzwischen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Wissenschaftsbereichen, dass zum Verständnis von Komplexität letztlich nicht die Suche nach immer mehr Einzelinformationen beiträgt, d. h. dass ein Mehr an Informationen nicht unbedingt zu einem besseren Verstehen führt. Lediglich für einfache kausale Beziehungsverhältnisse mag zutreffen, dass ein Wissen über X auch zu einer entsprechenden Kenntnis über das wahrscheinliche Y beitragen kann. Dazu betrachte man das nebenstehende Computerbild von Abraham Lincoln, welches dem Buch "Die Kunst vernetzt zu denken" (VESTER 2002; S. 54) entnommen ist. Das Bild ist von VESTER in seiner Wanderausstellung "Unsere Welt ein vernetztes System" zur Veranschaulichung der sogenannten "Muster- Erkennung" verwendet worden, bei dem bereits wenige Vierecke das Gesicht des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln wiedergeben, sobald man das Foto aus der "richtigen" Entfernung betrachtet, blinzelt oder z. B. die Lesebrille abnimmt. VESTER dazu in seinem Buch:"Man kann zwar die Anzahl und Größe der Quadrate messen, die Abstufung der Grauwerte bestimmen und entsprechede Tabellen anfertigen. Für die Erfassung des Systems ist dies die falsche wissenschaftliche Methode, die auch dadurch nicht 'richtiger' wird, dass man sie mit besonderer Akribie betreibt. Die Funktion der Systemkomponenten - ihre 'Rolle' als Auge, Teil des Mundes usw. - wird auf diese Weise nicht erkannt."



Es bietet sich an, auf die Erkenntnisse der Systhemtheorie innerhalb der Klinischen Entwicklungspsychologie zuzugreifen. Mit Hilfe dieser Theorie eröffnen sich nützliche Ansatzpunkte zu einem "anderen" Verstehen von "Scheitern". Die Systemtheorie gibt die Vorstellung der "Trivialmaschine Mensch" auf und entwickelt das Bild vom "offenen System Mensch". Ein wichtiges Merkmal von einem solchen "offenen System" nennt sich "Selbstorganisation", was u. a. bedeutet, dass sich ein System eigenständig dahingehend zu regulieren versucht, seine Lebensfähigkeit zu erhöhen. Selbstorganisation ist dabei eng verbunden mit dem Prinzip des Regelkreises. Möglicherweise folgen aus diesem Erklärungsprinzip heraus die Erkenntnisse, dass aus ein und derselben Schädigungsart bzw. aus "gleichen" Entwicklungsbelastungen nicht eine ganz bestimmte Störung entsteht (Prinzip der Multifinalität) oder umgekehrt: eine bestimmte Störung kann durch ganz verschiedene Bedingungen mitverursacht sein ( Prinzip der Äquifinalität).



Die Frage des "Scheiterns" von Kindern und Jugendlichen ist bei einer systemischen Herangehensweise nicht die Frage von einfachen "Ursache-Wirkung" Zusammenhängen, sondern eher eine neugierig-interessierte Suchhaltung, wie das System "junger Mensch" mit bestimmten Faktoren und Ereignissen aus einem "übergeordneten" System zurechtkommt. Ein "übergeordnetes System" kann beispielsweise die Familie sein, die Schulklasse oder Spielkameraden. Wichtig ist vor allem, dass diejenigen, von denen diese Frage ausgeht bzw. die damit irgendwie umgehen müssen (also Eltern, Erzieher, Lehrer, Therapeuten, aber auch: Hänsel und Gretel selbst), eine für sie irgendwie hilfreiche und vielleicht sogar weiterführende Antwort finden können. Diese Antwort muss nicht ein für allemal Bestand haben, sie ist vermutlich nur "vorläufig" und interessiert vielleicht nur solange, wie das Problem des "Scheiterns" besteht. Aber all das ist ja in der vermeintlich "objektiven Wissenschaft" auch nicht anders….

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