Kritik an der Anwendung von Risperidon bei Kindern mit sogenanntem "disruptiven Verhalten"

Ein böser Verdacht stellt sich ein: sollte die Diagnose " disruptive behavior disorder" etwa eigens für die Anwendung von Risperidon bei Kindern und Jugendlichen geschaffen worden sein?

Dazu folgendes Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, dass eine chemische Substanz (Neuropharmakon) entwickelt worden ist, die bei Psychosen eingesetzt wird. Wie bei anderen Neuropharmaka auch, besteht eine der Wirkungen dieser chemischen Substanz (nennen wir sie Risperidon…) darin, Menschen ruhig stellen ("sedieren") zu können (im Prinzip alle Personen, also auch Menschen, die an keiner Psychose leiden: man kennt das auch als "K.O.-Tropfen"). Es liegt dann nahe auszuprobieren, wo und wann man diese Substanz (außer bei Psychosen) noch einsetzen könnte. Man versucht also, das ursprüngliche Anwendungsfeld zu erweitern. Dabei findet man heraus, dass beispielsweise auch (alte) demente Menschen oder Personen mit einer so genannten "autistischen" Störung in besonderer Weise auf die chemische Substanz reagieren. So könnte sich beispielsweise ein "sedierender" Effekt bei dementen Menschen derart einstellen, dass impulsartig auftretende aggressive Verhaltensweisen unterdrückt werden. Sollte nun auch noch die "Verträglichkeit" der Substanz zufrieden stellend sein und gravierende "Nebenwirkungen" ausbleiben, wäre ein potenziell neues Einsatzgebiet für die chemische Substanz in Aussicht. Erfolgte dann noch die behördliche Zulassung dafür, hätte man eine neue Einnahmequelle geschaffen. Die Bedeutung des Geldes ist übrigens enorm. Zwar neigen die meisten Pharmaunternehmen dazu, Profitinteressen als vorrangiges Anliegen ihrer Aktivitäten abzustreiten, doch lässt sich der deutliche Zusammenhang zwischen der erweiterten Marktzulassung eines Medikaments und dem Börsenkurs der Aktien des entsprechenden Pharmaunternehmens kaum verleugnen.

Da sich die Verabreichung chemischer Substanzen im Gesundheitswesen richtig Gewinn bringend erst dann auswirkt, wenn es auch eine dazugehörende Krankheit gibt, zur der die chemische Substanz (nun "Medikament" genannt) passt, könnte man auf die Idee kommen, zu einem Mittel eine Krankheit derart zu kreieren, dass diese Krankheit optimal auf das Mittel abgestimmt ist. Und genau dieser Eindruck könnte entstehen, wenn man die erweiterte Marktzulassung für Risperidon- Präparate näher betrachtet. Die für diese Marktzulassung durchgeführte "Langzeitstudie" bezieht sich nämlich auf Kinder mit so genanntem disruptiven Verhalten nach dem amerikanischen DSM IV.

"Der Übergriff (Anmerkung psychiatrie-nussknacker.de: sollte es sich hier um einen "Freudschen Versprecher" handeln und eigentlich Überbegriff gemeint sein?) ‚disruptive behavior disorders' wurde im DSM IV neu eingeführt. Er umfasst vor allem Verhaltensstörungen (conduct disorders) sowie oppositionelle Störungen (oppositional define disorder = ODD) und nicht näher präzisierte disruptive Verhaltensweisen. Insgesamt ist damit eine Vielzahl von persistierenden antisozialen Verhaltensweisen gemeint, die sowohl Aggression, Zerstörung wie auch allgemeine Regelverletzung beinhalten" (nachzulesen in FEGERT, J.M.: Risperidon zur Behandlung aggressiv-impulsiven Verhaltens; in: Nervenheilkunde 2/2003 online-Version).

In Deutschland ist für Krankenkassenleistungen die Diagnosestellung nach der ICD-10 verbindlich. In der ICD-10 findet sich das " Störungsbild" der "disruptive behavior disorders" nicht, auf das die Risperidon-Studie Bezug nimmt. Die Studie ist vermutlich deshalb nach dem amerikanischen Diagnosemanual DSM-IV durchgeführt worden, weil der Mutterkonzern der JANSSEN-CILAG (Johnson&Johnson), welche die Studie in Auftrag gab, in den USA ansässig ist und in den USA die Störungen nach DSM-IV kodiert werden. Die Annahme, dass die DSM- IV Diagnose "disruptive behavior disorders" möglicherweise eigens für die Forschungsinteressen der US-amerikanischen Pharmaindustrie geschaffen worden sein könnte, wird verständlicherweise sowohl von der Pharmaindustrie als auch denjenigen, welche für die Überarbeitung des DSM-IV verantwortlich zeichnen, weit von sich gewiesen werden.

Die Befürworter von Risperidon gehen davon aus, dass Kinder und Jugendliche mit aggressivem Verhalten durch die chemischen Substanzen in die Lage versetzt werden, sich "normaler" zu verhalten, sofern man die Substanz in hinreichender Menge und lange genug zuführt. Von daher ist die Verabreichung von Risperidon bei Störungen des Sozialverhaltens auf einen längeren Zeitraum angelegt, sechs Monate und länger. Aber selbst wenn ein Kind unter Risperidon möglicherweise "ruhiger" wird, bedeutet das keinesfalls, dass das Kind durch Risperidon "geheilt" worden ist. Die Beobachtung bedeutet lediglich, dass die chemische Substanz Risperidon eine bestimmte Wirkung auf den Organismus des Kindes hat. Wenn ein Mensch mit einem Krebsleiden beispielsweise ein Schmerzmittel erhält und dadurch weniger Schmerzen empfindet, dann ist auch das eine (gewünschte und erhoffte) Auswirkung der "Chemie" dieses Schmerzmittels, allerdings wird die Krebserkrankung dadurch nicht geheilt. Wenn ein Kind bei Einnahme von Risperidon "ruhiger" wird, dann wird diese "Ruhigstellung" als erwünschte Wirkung angesehen. Wie man weiß, kann die Verabreichung von Risperidon aber recht häufig auch weitere oder andere Auswirkungen auf den Körper haben, die mit einer Störung des Sozialverhaltens usw. nichts zu tun haben, nämlich die so genannten Nebenwirkungen. Nebenwirkungen zeigen, wie der Organismus des Kindes unter der Einnahme von Risperidon schon innerhalb weniger Monate aus der Bahn geworfen werden kann.

An dieser Stelle kommt ein weiterer Aspekt zum Tragen. Von den Befürwortern von Risperidon wird betont, dass die Substanz prosoziales Verhalten fördere. Man beruft sich dabei auf Ergebnisse von Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen mit einem verminderten Intelligenzwert (zwischen IQ 35 und 84); außerdem wird immer Bezug auf geistige Behinderung, Autismus, Lernbehinderung, Intelligenzminderung usw. als ein Beschreibungsmerkmal der Untersuchungsgruppen genommen. Der Grund, sich ausgerechnet diese "Zielgruppen" für den Einsatz von Risperidon auszusuchen, liegt vermutlich in der Annahme, dass die Menschen aufgrund ihrer niedrigen kognitiven Leistungsfähigkeit auf psychotherapeutische oder pädagogische Maßnahmen nicht oder nicht ausreichend in einer " gewünschten" Weise reagieren. Das Problem scheint zu sein, dass sich vor allem die Bezugs- und Betreuungspersonen hilflos und überfordert zu fühlen, insbesondere im Hinblick auf die impulsartigen Aggressionsdurchbrüche, für die es scheinbar keine inneren (d. h. "im Kind" liegenden) und äußeren (d. h. in der Hand von Betreuern und Bezugspersonen liegenden) Kontroll- beziehungsweise Einflussmöglichkeiten zu geben scheint. Aber was wissen "wir" Nicht-Autisten, Nicht- Intelligenzgeminderte usw. denn wirklich darüber, welche Bedeutung und Funktion impulsives oder "aggressives" Verhalten für die betreffende Person hat, wie sie sich fühlt, wie sie ihre Welt erlebt und wahrnimmt, wenn sie sich impulsiv und oppositionell verhält? Geht es bei der Verabreichung von Risperidon möglicherweise eher um die Bedürfnisse derjenigen Personen, die sich durch das impulsive, oppositionelle Verhalten eines Kindes gestört, bedroht und überfordert fühlen, als um die Bedürfnisse der "intelligenzbeeinträchtigten " Kinder und Jugendliche, welche sich impulsiv, oppositionell etc. verhalten?

Aber nicht nur das. In der Praxis wird Risperidon nicht nur bei Kindern mit einem unterdurchschnittlichen Intelligenzwert eingesetzt, sondern auch bei Kindern, deren Intelligenz-Testwert im Normalbereich liegt, also auch bei Kindern, die weder eine Lernbehinderung noch eine " Intelligenzminderung" usw. aufweisen. Es wird häufig entweder erst gar nicht untersucht, wie "hoch" und differenziert die intellektuellen Fähigkeiten sind, oder trotz Wissens um einen durchschnittlichen Intelligenzwert dennoch die Substanz verabreicht. Dabei stehen für diese Kinder prinzipiell psychotherapeutische und (heil- / sozial)pädagogische Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung, mittels derer sowohl auf das Verhalten der Kinder als auch auf die Beziehung zwischen den Kindern und deren Bezugspersonen (z. B. Eltern, Lehrer, Spielkameraden…) positiv Einfluss genommen werden kann. Kinder, die Risperidon erhalten, fühlen sich oftmals durch die Medikation nicht entlastet oder unterstützt. Vielmehr erleben sie in der Verabreichung der Substanz tagtäglich eine weitere Bestätigung dafür, nicht normal zu sein. Da sich bei den so genannten Störungen des Sozialverhaltens ohnehin oft erhebliche Belastungen im Emotionssystem finden, stellt die Verabreichung von Risperidon eine weitere ungünstige Beeinflussung eben dieses Emotionssystems dar und dürfte für psychotherapeutische und pädagogische Interventionen sowie für die bio-psycho-soziale Entwicklung insgesamt bei weitem nicht so vorteilhaft sein, wie es die Pharmahersteller und biologisch ausgerichtete Mediziner Glauben machen wollen.

"Disruptives Verhalten" usw. ist keine körperliche Krankheit und auch kein organischer Defekt. Nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand steht fest, dass biologische Faktoren höchstens teilweise, in entscheidender Weise aber das familiäre Umfeld sowie sozioökologische und personale Risikofaktoren zur Entstehung von gestörtem Sozialverhaltens beitragen können. In der Risperidon-Studie hat man Zielgruppen gewählt, bei denen vermutlich eher organische (zerebrale) Beeinträchtigungen nachgewiesen werden könnten als in der "Normal-Population". Im Alltag der Verabreichungspraxis von Risperidon bei Kindern und Jugendlichen dürften dagegen nachweisbare organische (zerebrale) Beeinträchtigungen die Ausnahmen sein. Im Regelfall wird von einem biologisch gesunden kindlichen Organismus auszugehen sein, wenn so genanntes "disruptives Verhalten" oder Störungen des Sozialverhaltens vermutet werden. Über die Langzeitauswirkungen von Risperidon auf die bio-psycho-soziale Entwicklung eines körperlich gesunden Organismus gibt es nur Vermutungen. Während einige unerwünschte Reaktionen (berichtet wird sehr oft von Gewichtszunahme) schon nach relativ kurzer Zeit auftreten und nach Absetzen des Mittels eventuell wieder abklingen können, erscheinen die ungünstigen Auswirkungen auf die bio-psycho-soziale Entwicklung, die sich vermutlich erst nach längerer Zeit bemerkbar machen, riskanter. Riskanter deshalb, weil man nicht weiß, welche beeinträchtigenden Langzeitfolgen über die "bekannten" Nebenwirkungen hinaus von den chemischen Substanzen ausgehen können. Es spricht einiges für die Annahme, dass es solche Langzeitfolgen geben wird, denn der Organismus als offenes bio-psycho-soziales System reagiert auf diese chemische Substanzen, und zwar möglicherweise nicht nur hinsichtlich der Parameter, die in der Studie "kontrolliert" untersucht worden sind. Beispielsweise ließe sich unter dem biologischen Entwicklungsaspekt fragen, ob und inwieweit durch die Verabreichung von Risperidon die Lernfähigkeit der Synapsen (Plastizität) und die Organisation des neuronalen Netzes gestört werden und die chemische Substanz langfristig gerade das erzeugt, was sie zu beheben vorgibt: Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit der Person als ganzheitliches Wesen. Der Gebrauch von Begrifflichkeiten wie beispielsweise "gute Verträglichkeit" bekommt unter diesem Aspekt durchaus etwas Zynisches, so als handle es sich bei der chemischen Substanz Risperidon um ein Nahrungsmittel.

Ein anderer Aspekt, der mit der Anwendung von Medikamenten insbesondere bei den so genannten Störungen des Sozialverhaltens zu berücksichtigen ist, sich im Prinzip aber auch auf einen weitergehenden Anwendungsbereich von Medikamenten bei emotionalen bzw. verhaltensbezogenen Beeinträchtigungen übertragen lässt, ist folgender: Eine Medikamentenbehandlung beinhaltet unausgesprochen vor allem zwei Botschaften an den Patienten oder andere mit einbezogene Personen. Die erste dieser Botschaften ist, dass die emotionalen bzw. verhaltensbezogenen Beeinträchtigungen Phänomene (Ereignisse) sind, die sich dem Beeinflussungsbereich bzw. der "Kontrolle" der Betreffenden weitgehend entziehen und die Person deshalb einer zusätzlichen Steuerung durch ein chemisches Mittel bedarf. Die zweite Botschaft heißt, dass diese Phänomene auch gleichbedeutend mit der tatsächlich relevanten (die Person in ihrer Gesamtheit beeinträchtigenden) Störung sind.


Nun ist es aber so, dass im psychotherapeutischen Bereich die Phänomene im Allgemeinen nicht das wirkliche Problem darstellen. Vielmehr sind emotionale und verhaltensbezogene Störungen meistens Ausdruck davon, dass das organismische "System Mensch" aus der Bahn geworfen oder aus dem Ruder gelaufen ist (siehe auch "über das Scheitern"). Das kann beispielsweise bedeuten, dass die Anpassung des Menschen an seine (soziale) Umgebung nicht mehr gelingt, oder dass die "inneren" Regelmechanismen nicht mehr in der Lage sind, auf eingetretene Veränderungen zu reagieren. Die Verhaltensweisen oder das innere Erleben, das eine Person in einer solchen Situation erkennen lässt oder für sich selbst wahrnimmt, lassen sich als Versuch verstehen, diesem "Aus-der-Bahn- geworfen-Sein" oder sich wie in einem Irrgarten gefangen Fühlen in einer Weise entgegen zu wirken, dass die Person in ihrer Gesamtheit überhaupt weiter in ihrem sozialen Feld "über"leben kann beziehungsweise mit ihren "inneren Beeinträchtigungen" (z. B. belastenden Gefühlen oder Gedanken) irgendwie noch zurecht kommt. Je nachdem, wie sich diese "Bewältigungsversuche" gestalten, können sie als angemessen, erfolgreich etc. bezeichnet und erlebt werden, oder aber als "gestört", "unangemessen", "fehlangepasst" usw.


Das, was gerne als "Störung" bezeichnet wird, ist unter diesem dargestellten Aspekt eigentlich nichts anderes als ein sehr bedeutsamer Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Wird nun ein chemisches Mittel eingesetzt, um diese Störung zu beseitigen, ist das im Grunde genommen keine wirkliche Behandlung und auch keine wirksame Unterstützung der Person dahingehend, dass sie besser erkennen (verstehen) und sich damit auseinanderzusetzen kann, was nicht (mehr) funktioniert, um aus dem Zustand des "Aus-der- Bahn-geworfen-Seins" in den Zustand des "Wieder-in-der-Bahn-Seins" zu gelangen. Ein Medikament erspart der jeweiligen Person diesen möglicherweise anstrengenden Prozess, sich mit ihrem Erleben und Tun als ureigenst selbst verantwortlich und zuständig auseinander zu setzen. Außerdem kann die Medikation bewirken, dass eine Person abhängig werden kann (körperlich und/oder seelisch).

Möglicherweise handelt es sich bei dem "Aus-der-Bahn-geworfen-Sein " um eine kurzzeitige Phase des Lebens (etwa eine "Lebenskrise "), die sich durch Veränderungen beispielsweise der Umgebungsbedingungen quasi von selbst erledigt. Wenn in dieser Phase ein chemisches Mittel eingesetzt wird, kann es insofern als lindernd oder wohltuend erlebt werden, als die unangenehmen Gefühle (meistens sind es Ängste, das Innere aufwühlende oder depressive Erlebensweisen) nicht mehr in dieser belastenden Weise gespürt werden. Das Risiko einer Medikamentenabhängigkeit unter dem Aspekt der "Krisenintervention " erscheint dabei als geringer (beispielsweise ein Beruhigungsmittel vor einer Prüfung). Wie an verschiedenen Stellen aber bereits ausgeführt: Risperidon wird nicht vorrangig unter diesen "Krisen-Gesichtspunkten" eingesetzt, sondern vor allem in Form einer länger anhaltenden Verabreichung.

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