Nach den diagnostischen Leitlinien der ICD-10 tritt die "Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten" charakteristischerweise bei Kindern unter 9 oder 10 Jahren auf.

Das wesentliche Merkmal dieser Störung ist ein durchgehendes Muster von Verhaltensweisen, welche als "feindselig", "aufsässig", "provokativ", "trotzig" bezeichnet werden. Um die Diagnose stellen zu können, sollen Umfang und Ausprägung dieses Verhaltensmusters deutlich außerhalb der Grenzen des normalen Verhaltens bei einem gleichaltrigen Kind im gleichen Kulturkreis liegen. Ernsthaftere Verletzungen der Rechte anderer, wie sie als aggressives und dissoziales Verhalten für die ICD-10 Kategorien F91.0, F91.1 und F91.2 beschrieben werden, fehlen.

Kinder mit dieser Störung neigen dazu, häufig und aktiv Anforderungen oder Regeln Erwachsener zu missachten und scheinbar "überlegt" andere Menschen zu ärgern. Sie zeigen sich oft zornig, und verärgert über andere Menschen, welchen sie die Verantwortung für eigene Fehler oder Schwierigkeiten geben. Fast immer haben die Kinder eine geringe Frustrationstoleranz und werden schnell wütend; ihr Trotz wirkt deutlich provokativ. Sie zeigen ein ausgeprägtes Maß an Grobheit, Unkooperativität und Widerstand gegen Autorität. Das Verhalten tritt bei Interaktionen mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen, die das Kind gut kennt, häufiger und viel offensichtlicher auf. Es fehlen jedoch schwere dissoziale oder aggressive Handlungen, die das Gesetz oder die Rechte anderer verletzen.

Für die Diagnose dieser Störung müssen die allgemeinen Kriterien für eine "Störung des Sozialverhaltens" (F91) erfüllt sein. Das heißt, dass ein nur deutlich mutwilliges oder ungezogenes Verhalten allein nicht für die Diagnosestellung ausreicht. Allerdings meinen viele Fachleute, dass das oppositionell-aufsässige Verhaltensmuster eher eine leichtere Störung des Sozialverhaltens darstellt als eine qualitativ unterschiedliche, d. h. "eigenständige" Störungsform. Wissenschaftliche Beweise für eine qualitative oder quantitative Unterscheidung fehlen.

Die Diagnose sollte, besonders bei älteren Kindern, mit Vorsicht gestellt werden. Klinisch bedeutsame Störungen des Sozialverhaltens älterer Kinder beinhalten meistens dissoziale oder aggressive Verhaltensmuster, die über Aufsässigkeit, Ungehorsam oder Trotz hinausgehen. Nicht selten ist aber eine Störung mit oppositionell aufsässigem Verhalten vorausgegangen. Die Kategorie "Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten" wurde deshalb mit in die ICD-10 aufgenommen, um einer allgemein üblichen Praxis Rechnung zu tragen und die Klassifikation der Störungen bei jüngeren Kindern zu erleichtern.