wissenschaftliche Erkenntnisse in der Klinischen Entwicklungspsychologie
siehe auch Literaturangaben
Das Spektrum der Betrachtungsmöglichkeiten ist groß. Es umfasst beispielsweise Einflüsse schon in der Schwangerschaft, dann in Zusammenhang mit Geburt, Entwicklung im Kleinkindalter und in späteren Lebensphasen. Doch worauf sollte sich sinnvoller Weise der Fokus richten? Es gibt hierauf keine umfassende und allgemein verbindliche Aussage.
Wirft man einen Blick in die Literatur, die beispielsweise zur Klinischen Entwicklungspsychologie auf dem Markt ist und die aktuellsten Erkenntnisse in sich vereint, so findet man eine praktisch kaum noch zu handhabende Zahl möglicher "Einstiegspunkte", um Erkenntnisse über mögliche Störungen und Devianzen von Entwicklungsverläufen zu erhalten. Zu denken ist beispielsweise an die Ordnungsmodelle in der Klinischen Entwicklungspsychologie, die in sich ganz unterschiedliche Strukturierungen nahelegen, wie etwa das Prozess-Person-Kontext-Modell (BRONFENBRENNER & CECI, 1994), nach dem sich kognitive, emotionale und soziale Selbstregulationsprozesse betrachten ließen sowie diesen Prozessen vorausgegangene Prozesse wie etwa bestimmte Eltern-Kind-Interaktionen, Personmerkmale des Individuums und Merkmale der Umgebung. Das Entwicklungsergebnis zum Zeitpunkt T2 wird dann auf die Formel gebracht:
ET2=f (Prozessmerkmale Pr, Personmerkmale Pe, Kontext K) T1-T2
Ein anderes allgemeines Ordnungsmodell der Klinischen Entwicklungspsychologie stammt von SCHNEEWIND (1998), bei dem besonders Aspekte wie Risiko- und Schutzfaktoren sowie Ressourcen und Stressoren berücksichtigt werden. In diesem Modell stellt sich der Entwicklungsverlauf als eine zeitvariable "objektive" Lebenslage einer Person dar in Wechselwirkung mit Merkmalen wie Disposition, Anpassungsmodi sowie Selbst- und Werteerleben. Dabei bedeutet "objektiv", dass die Lebenslage eine messbare Wirkung von Ereignissen ist, unabhängig von der subjektiven Sicht der jeweiligen Person. Dieses Modell betont, dass Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen in die Betrachtung einbezogen werden müssen. Gegen diese Forderung verstoßen alle Modelle, die Risiko- und Schutzfaktoren in der Vergangenheit betrachten und diese dann als kausal für die Gegenwart erschaffen, jedoch parallele Wirkungen nicht mit einbeziehen. Hierzu merken OERTER, SCHNEEWIND & RESCH (1999, S. 86) selber an: "Die Vielfalt der gesamten Beziehungen und wechselseitigen Einflüssen ist nie vollständig erfassbar".
Weitere "populäre" Entwicklungsmodelle sind das von MISCHEL & SHODA (1995) oder von RESCH (1999), in dem die Genese von Störung, Krankheit, Delinquenz sowie adaptiver stabilisierender Entwicklung im Mittelpunkt stehen.
Daneben findet sich als eine Art "Meta-Theorie" das Risikofaktoren-Modell einer pathologischen Entwicklung, indem die verschiedenen bekannten und untersuchten möglichen Einflüsse auf eine Störung gewissermaßen "zusammengefasst" werden. Aber auch hier ist es so, dass nicht alle möglichen relevanten Faktoren tatsächlich in der Praxis erfasst und untersucht werden können.